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Die Zeit vergeht (III)

Ich habe heute eine lange Liste gemacht. Eine Liste all dessen, was ich tun will, tun sollte, tun werde, sobald ich Zeit dafür finde. Eine sogenannte To-Do-Liste, die längste, die ich je geschrieben habe, und ich habe schon viele solche Listen geschrieben. Listen zum Abarbeiten und zum Abhaken: Punkt um Punkt wird geplant, getan und dann gestrichen – oder auch nicht, und die Liste bleibt liegen, verschwindet und ist vergessen, ohne dass ich etwas von dem, was darauf stand, getan hätte. Stattdessen tat ich andere Dinge; Dinge, die nicht auf der Liste standen und die ich trotzdem tun wollte oder musste, irgendetwas tut man ja immer, selbst wenn man so gut wie tatenlos ist.

Ja, auch das tatenlose Sein braucht Zeit – und das, fällt mir auf, ist der springende Punkt: Ich brauche Zeit. Zeit ist die Bedingung, um die Punkte auf der Liste erledigen zu können. Ich schreibe drum zuoberst auf die Liste, als obersten Punkt und in Großbuchstaben: ZEIT FINDEN. Das scheint mir sogleich fragwürdig, und so streiche ich die Zeile durch und schreibe stattdessen: ZEIT SUCHEN. Nun beginnt das Zweifeln erst recht. Wo könnte ich mit dieser Suche beginnen? Und wann könnte ich es tun? Der Tag hat 24 Stunden, mehr ist da nicht. Eine Stunde folgt auf die andere, ohne Zögern oder Stolpern und ohne dass sich die Reihenfolge jemals ändern würde. Die Zeit, die für jede nur erdenkliche Tat zur Verfügung steht, liegt offen zu Tage, vielmehr verfliegt sie in aller Offensichtlichkeit, da ist nicht der kleinste Moment, der im Verborgenen aufgestöbert werden könnte, wenn ich mich nur ernsthaft genug daran machen würde – falls ich denn Zeit dafür hätte.

Ich streiche die Zeile wieder durch und schreibe: ZEIT HABEN. Dann merke ich, dass das nichts ist, das auf eine To-Do-Liste gehört, das man erledigen könnte. Zeit habe ich ja, 24 Stunden täglich, das sagte ich schon, obwohl man es eigentlich nicht sagen müsste – so verschwendest du also deine rare Zeit, denke ich. Die Frage ist vielmehr, wie du die Zeit, die du hast, verwenden und verbringen willst und musst. Doch auch diese Frage ist reine Zeitverschwendung, denn ich kenne die Antwort: Sie steht Punkt um Punkt auf der langen Liste. Ich muss nur damit beginnen, die Dinge auch wirklich zu tun, in der mir zur Verfügung stehenden Zeit. Ich muss also mein Tun mit meiner Zeit verbinden, das eine irgendwie mit dem andern kombinieren, und das scheint mir plötzlich ein auf geheimnisvolle Weise schwieriges, ja ungeheuer kompliziertes Unterfangen zu sein.

Es reicht also nicht, Zeit zu haben und zu wissen, was zu tun ist, denke ich. Du musst auch wissen, wie und wann das, was du tun willst und tun musst, anzupacken ist. Du musst den richtigen Moment erwischen: den, der für eine bestimmte Tat der günstige ist. Du musst mit anderen Worten für dein Tun die Gunst der Stunde zu nutzen wissen. Und so streiche ich den obersten Punkt wieder durch und schreibe hin: ZEIT NUTZEN. Dann habe ich genug getan für heute. Ohnehin ist mir der Tag irgendwie durch die Finger geronnen.

03/07/2019.

Die Zeit vergeht (II)

Die Zeit geht, läuft mir davon, läuft ab und nimmt mich mit, noch ein Stück und noch eins, bis am Ende nichts mehr ist von dem, was ich bin, ein Leben auf Zeit, ein Leben in der Zeit, die bleiben wird, auch wenn ich längst nicht mehr bin, so wie sie auch war, bevor ich war, so ist sie immer da, obwohl sie doch die ganze Zeit geht, ja sie kommt und geht, niemand weiß woher, niemand weiß wohin, ein ewiges Kommen und Gehen ist das, mit mir und ohne mich und durch mich hindurch, wie Blut, wie Wein, zum Weinen das alles, das kein Mensch versteht, da kannst du noch so schlau sein, noch so lang drüber hirnen, die Zeit geht weiter, unbeirrt, wenigstens das weiß ich genau: Sie irrt sich nie in ihrem Weg.

01/07/2019.

Der Tod des Dschuang Dsi

Dschuang Dsi lag im Sterben, und seine Jünger wollten ihn prächtig bestatten.
Dschuang Dsi sprach: »Himmel und Erde sind mein Sarg, Sonne und Mond leuchten mir als Totenlampen, die Sterne sind meine Perlen und Edelsteine, und die ganze Schöpfung gibt mir das Trauergeleit. So habe ich doch ein prächtiges Begräbnis! Was wollt ihr da noch hinzufügen?«
Die Jünger sprachen: »Wir fürchten, die Krähen und Weihenvögel möchten den Meister fressen.«
Dschuang Dsi sprach: »Unbeerdigt diene ich Krähen und Weihenvögeln zur Nahrung, beerdigt den Würmern und Ameisen. Den einen es nehmen, um es den andern zu geben: Warum so parteiisch sein?«

Aus Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Buch XXVII, 20, übersetzt von Richard Wilhelm

31/05/2019.

Diese klugen alten Chinesen

»Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein.
Niemand scheint zu wissen, wie nützlich es ist, unnütz zu sein.«

Dschuang Dsi

15/05/2019.

Quote of the day by Lao Tseu

Si vous croyez savoir, vous ne savez pas.

16/04/2019.

Die Zeit vergeht (I)

Unbeirrt stellt der Wirt die zwei roten und die zwei braunen Stühle auf den Gehsteig. Sie geben ein ebenso trostloses Bild ab wie die Straße, die noch dazu lärmt. Die Stühle machen keinen Mucks, ihr Anblick ist jammervoll genug. Erst recht, wenn die Sonne fehlt, tagelang verborgen hinter einem grauen Himmel. Wenn sie scheint, wird die Sache nicht besser. Das Licht macht die Farben sichtbar, aber auch den Dreck und die Ödnis. Die Stühle sollten einladend wirken; sie würden es an manch anderem Ort in der Stadt und wären ständig besetzt. Die Stühle vor dem Café de l'Avenir aber schaffen es, nichts als Trübsal und Sinnlosigkeit zu verbreiten.

Aus Ein Platz (Arbeitstitel).
07/03/2019.

Alles ist unzulänglich

Alles ist unzulänglich
Jedes Wort, jede Tat, die Musik
Und ich sehne mich nach dem Zulänglichen
Aber selbst das Zulängliche ist zu länglich
Also sehne ich mich nach dem Länglichen
Aber auch das Längliche
Ist unzulänglich geworden
Also sehne ich mich nach gar nichts –
Und auch das ist nicht gar nichts
Sondern unzulänglich

Die Flüsse sind geschlossen
Die Himmel sind verriegelt
Die Bäume liegen im Sterben
Die Tiere werden dressiert
Die Menschen sind schon verdorben
Aus den Steinen werden Steinbrüche gemacht –
So geht alles in Brüche –
Auch dieses, mein Testament

Georg Kreisler (1922–2011), auf Vorletzte Lieder (1972).
Hier kann man's anhören.
29/01/2019.

Wortfund: perlusorisch.

Wortart: Adjektiv
Gebrauch: veraltet
Worttrennung: per|lu|so|risch
Bedeutung: vorspiegelnd; scherzend
Synonym: trügerisch

Angaben aus dem DUDEN.
25/01/2019.

Kalt ist das Gegenteil von warm.

Von: Monika Altvater
Gesendet: Dienstag, 22.01.2019, 06.41 Uhr
Betreff: Bitte nachheizen

Kalt ist das Gegenteil von warm. Und es bleibt noch Monate kalt. Hoffentlich wird es wieder warm. Bis dahin etwas nachheizen. Wir bieten Heizer von 3 kW bis 30.000 kW. Mit Thermostat. Es wird warm, aber man muss nicht Dauerheizen. Sehr praktisch.

Bester Gruß
Monika Altvater

23/01/2019.

Tagein, tagaus schritt er einher.

Das Gehen bereitete ihm keine Mühe. Er ging wohl bewusst, er spürte die Erde unter den Sohlen seiner Schuhe, aber das Bewegen der Füße über den Boden erfolgte so selbstverständlich wie das Ein und Aus seines Atmens, das Schlagen seines Herzens. Er ging morgens los und kam abends an. Er hatte seine Augen stets geöffnet und betrachtete alles ohne Urteil. So ging er einher, und so vergingen seine Tage.

17/01/2019.

Sprichwort in Aktion

In einem Geschäft für Gebrauchtwaren. Eine ältere kleine Frau zeigt auf ein Schmuckstück und wendet sich an die Verkäuferin. Frau: Das Gold?
Verkäuferin: Was meinen Sie?
Frau: Das Gold? Das Gold?
Verkäuferin: Ja, was meinen Sie?
Frau: Ja? Das da. Gold? Ja?
Verkäuferin: Das da kostet sechs Franken. Sehen Sie. Preis hier. Sechs Franken.
Frau: Aaah. Gold?
Verkäuferin: Sechs Franken ist das. Was meinen Sie: Ist das Gold? Für sechs Franken?
(Frau antwortet nicht)
Verkäuferin: Nein, das ist kein Gold.

15/01/2019.

Asode.

Adiö.
Mersidankä.
Undässchönstäglino.

14/01/2019.

Es

Es steckt mir im Hals, hinten im Hals, dieses eine Wort, hinter dem die nächsten kommen, alle anderen, die ich noch sagen will, sagen muss – oder schreiben, bestimmt schreiben muss ich das Wort, diesen Anfang eines nie endenden Stromes, einer ewigen Geschichte, die in ein Meer fließt, das alle Geschichten umfasst, und dieses Meer fließt wieder in ein Meer von Geschichten und immer so weiter, immer so fort würde es fließen, wenn es könnte – aber es muss zuerst einmal irgendwo beginnen, muss geäußert werden, dieses eine Wort, das mich kitzelt, so dass ich husten muss, doch so fest ich auch huste und mich räuspere, hmkm, hmkmkm, es kommt nicht heraus, es kitzelt nur noch stärker, wie eine Feder oder ein Haar; es reizt, es kratzt, es würgt mich von innen und staut alle anderen Wörter, die dahinter stecken, all das Kluge, das aus mir heraus will, all das Schöne, das in mir steckt und außerhalb von mir, in der großen weiten Welt glänzen und strahlen will, all das Niegehörte, das endlich gehört werden will von allen, die da sind und noch kommen: all das will hinaus und kann nicht, wegen diesem einen Wort, von dem ich nicht sagen könnte, wie es klingt und was es bedeutet. Wenn ich es nur wüsste! Aber ich habe keine Ahnung; mir scheint, es könnte alles bedeuten.

09/01/2019.

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