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Das Wort

Ein Wort, ein nicht besonders schönes, aber auch nicht hässliches Wort, ein ganz gewöhnliches Wort eigentlich, ein Wort wie so viele, so ein Wort halt – dieses Wort kommt sich ungeheuer wichtig vor. Es stellt sich in den Vordergrund, wo es nur geht; es drängelt, um überall das erste zu sein, und es will auch immer das letzte Wort haben. Dieses Wörtchen ist so frech, dass es am liebsten komplett das Wort übernehmen würde; es möchte alle anderen Wörter streichen und ganz alleine weiter worten.

Was für ein Wort das ist, kannst du dir wohl denken, und wenn nicht, dann denk halt länger nach. Denken schadet nicht; je länger du denkst, umso weniger Unsinn machst du sonst. Denk aber schnell, denn das Wort treibt derweil weiter sein Unwesen, und wenn du nicht aufpasst und es erwischst, tanzt es dir bald auf der Nase herum. Und nicht nur dir, auch mir. Allen und allem tanzt es auf den Nasen herum, und die Nasen sind nur der Anfang.

Wenn das Wort einmal tanzt, ich sage dir, dann ist es aus mit der schönen Ordnung, aus und vorbei mit dem Sinn, wie er dir bislang erschien, immer in der Reihe, gar im Reim. Die Zeilen kannst du vergessen, die gescheiten Wörter darauf kannst du vergessen. Das Wort schubst sie weg, und dann ist da nur noch Tanz. Es tanzt mit sich selbst, tanzt um sich herum, bald steht es Kopf, bald liegt es am Boden. Dort zuckt es noch einmal, und dann, wer hätte das gedacht, ist es tot, das Wort. Also lass es vielleicht doch besser tanzen, dann hast du am Ende gänzlich Ruh, Ruh, Ruh.

19/03/2021

Ich-Gedicht

von Ernst Jandl (1925–2000)

19/03/2021

Loch-Gedocht

von Ernst Jandl

19/03/2021

Vom Haben zum Sein
(A Love Poem To Love)

Liebe haben
Liebe geben
Liebe leben
Liebe gehen
Liebe sehen
Liebe denken
Liebe schenken
Liebe schreiben
Liebe schweigen
Liebe reden
Liebe wagen
Liebe atmen
Liebe schlafen
Liebe fahren
Liebe tanzen
Liebe singen
Liebe schwimmen
Liebe summen
Liebe brummen
Liebe turnen
Liebe trommeln
Liebe träumen
Liebe lachen
Liebe machen
Liebe sein

27/02/2021

Oh ewige Blindheit

»Denn wie sich die Augen der Fledermäuse dem Tageslicht gegenüber verhalten, so auch die Vernunft in unserer Seele
den Dingen gegenüber, die von allen der Natur nach die offenkundigsten sind.«

Aristoteles, Metaphysik, II.1.

22/01/2021

Absurdität II

Und wie mit dem sinnlosen Hinaufstoßen des Steins, wie mit dem Hinausstellen und Hineinräumen des unbenutzt bleibenden Mobiliars, verhält es sich auch mit dem Erstellen von Schriften, diesem mühevollen Hervorbringen und Zusammenstellen und wieder Umstellen von Buchstaben, die dann unnütz im Weg herumstehen, den Weg womöglich verstellen. Wozu die Mühe mit dem Stein, dem Mobiliar, den Buchstaben, wozu die ganze Mühe des ganzen Lebens? Die Frage ist sinnlos und die Antwort ebenso, wie das Leben selbst, dieses permanente Scheitern, und am Ende der Tod. Doch statt unglücklich kann man in diesem absurden Leben auch glücklich sein, sagt Camus. Wer sich der Sinnlosigkeit bewusst und trotzdem glücklich ist, triumphiert darüber.

22/01/2021, aus Ein Platz (Arbeitstitel).

Absurdität I

Ein Graben öffnet sich, der Graben zwischen Gegenwart und Reflexion, zwischen Sein und darüber Nachdenken. Er kann sich plötzlich öffnen, aber auch plötzlich wieder schließen, und dann scheint es, als sei da nie etwas so Seltsames gewesen wie diese Verschiebung, als habe es nie ein Dazwischen gegeben wie diesen Graben. Aber ich weiß, es gibt ihn, und ich weiß auch, wie er heißt. Absurdität ist sein Name, und wenn du einmal den Sinn oder vielmehr den Unsinn hinter diesem Wort gesehen hast, wirst du den Anblick nicht mehr vergessen. Der Graben wird fortan da sein, bereit sich zu öffnen, und du musst zusehen, dass er nicht breiter und breiter wird. Dass du die Gegenwart nicht aus den Augen verlierst, dass sie nicht wie das feste Ufer im Dunst verschwindet, während du auf dem löchrigen Schiff deines Denkens aufs offene Meer hinaustreibst.

22/01/2021, aus Ein Platz (Arbeitstitel).

Am Anfang

Am Anfang der Dinge war ein Ei.
Das Ei war weiß mit goldenen Tupfen.
Die Tupfen wurden größer, bis das Ei komplett golden war.
Das komplett goldene Ei begann zu leuchten und zu zittern.
Es glühte und vibrierte, dann brach das Ei entzwei,
und der schöne lautere Tag kam zum Vorschein.
Das war die Geburt des Lichts.

Neben dem ersten Ei lag ein zweites Ei.
Es war schwarz und hatte ebenfalls goldene Tupfen.
Die Tupfen wurden kleiner, bis das Ei komplett schwarz war.
Das komplett schwarze Ei begann zu qualmen,
dann löste es sich auf in Staub und Rauch,
und still schlüpfte die Nacht heraus.
Das war die Geburt der Dunkelheit.

Das Licht und die Dunkelheit lagen nebeneinander,
beide noch benommen von ihrer Geburt.
Beide wussten nicht, wie ihnen geschehen war.
Und beiden war nicht klar, was sie nun zu tun hatten.
In ihren Schalen hatten sie seit Urzeiten gewartet,
ohne zu wissen, worauf
und ohne wirklich zu warten.

Es war das lautere Licht, das sich als erstes regte.
Es schaute zur Dunkelheit und staunte.
Wie schwarz sie war. So tief und still.
So ganz anders als das helle grelle Licht.
Jetzt kam auch Leben in die Dunkelheit,
und es blendete sie zuerst stark,
als sie das Licht in voller Pracht erblickte.

Ja, das Licht und die Dunkelheit
waren verschieden wie Tag und Nacht.
Sie waren das genaue Gegenteil voneinander.
Doch als die Zeit verging, vergingen auch sie.
Sie gingen ineinander über,
und Tag und Nacht wurden eins.
Da dämmerte es ihnen.

Und bei jedem Dämmern passierte etwas.
Es passierte von selbst und entstand einfach.
Dann war es da. Es wurde mehr und mehr,
es wurde Meer und Land, und alles Leben entstand.
Es wurde alles, und in allem war auch nichts.
So war das am Anfang
mit der Dunkelheit und dem Licht.

17/01/2021.

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